Gen Z: die erste Generation, die im Kollaps aufwächst
Die Diskussion über die Gen Z Krawalle frag zu wenig nach dem "warum": warum sollte eine Generation Krawall machen, die keine Zukunft hat? Ist eigentlich offensichtlich.

05/11/2026
Liebe Leute,
fällt Euch eigentlich auch auf, dass es immer mehr politische Debatten gibt, in denen das, worum es eigentlich geht, gar nicht besprochen werden kann, oder zumindest soll? So geht es mir gerade bei der Diskussion über die „Gen Z“-Demonstrationen und -Krawalle vom vergangenen Wochenende: auf der einen Seite die Mitte und die Rechten, die laut „das waren kriminelle Ausländer“ rufen, egal, wie viele der Beteiligten tatsächlich deutsche Pässe hatten (denn immer dran denken: Wer oder was „deutsch“ ist, bestimmt anscheinend immer noch das Blut, das doitsche Bloht – ius sanguinis nennt man das), auf der anderen Seite die Linksbürgerlichen, die das Ganze auf „agents provocateurs“ und andere dunkle äußere Mächte schieben wollten.
Ich schrieb dazu dies: „Überraschend ist nicht, dass es zu Ausschreitungen kam …, sondern, dass es zu so wenigen Ausschreitungen kam.“ Diesen Gedanken wollte ich hier mal weiterverfolgen und nicht die Frage nach dem „Wer“ stellen, sondern nach dem „Warum“. Ihr erinnert Euch: Während der Bauernproteste zum Beispiel, da mussten wir uns ständig die Frage stellen, warum diese marodierenden Treckerhorden denn nun diese oder jene Straße blockierten, diesen oder jenen Politiker*in jagten oder sich zu ein paar Tausend in Berlin versammelten und einen Großteil der Innenstadt lahmlegten. Wir sollten jenen, die am Samstag zum Pflasterstein oder zur Bierflasche gegriffen haben, denselben intellektuellen Respekt erweisen und uns fragen: Warum machen die das eigentlich, was könnte hinter dem zunehmend weit verbreiteten Wunsch stehen, gesellschaftlich immer mehr auf die Kacke zu hauen?
Warum Krawalle?
Im Rahmen meiner Dissertation habe ich mich viel mit Krawallen beschäftigt, weil ich, wie so viele junge (oft männlich sozialisierte) Linksradikale, von diesen manchmal schrecklichen, manchmal euphorischen Momenten scheinbaren Widerstands gegen eine abgefuckte, damals zunehmend neoliberale, unsoziale, unmenschliche Realität fasziniert war, und weil sie einen großen Anteil an der Prominenz der Anfang der Nuller großen und dynamischen „globalisierungskritischen Bewegung“ hatten. Und dabei fand ich heraus, dass die gerne aus der „Mitte der Gesellschaft“ artikulierte Sicherheit, bei Krawallen würden irgendwelche nihilistischen Lumpenproletarier (sic!) ihre irrationale Wut herauslassen, zumeist falsch war.
Stattdessen fanden Historiker*innen heraus, dass der Kern der bei Krawallen „kämpfenden“ Menschen meist aus gut in ihre „Communities“ integrierten Menschen bestand, die, weit vom Nihilismus entfernt, die formalen, die rechtlichen Regeln ihrer Zeit brachen, um die informellen Regeln durchzusetzen, oder auch das, was der marxistische Historiker E. P. Thompson ihre „moralische Ökonomie“ nannte: eine traditionelle Vorstellung von sozialen Normen und Verpflichtungen, von den angemessenen wirtschaftlichen Funktionen der Akteure in einer Gemeinschaft (vgl. auch Eric Hobsbawm und George Rudé).
Wer bei Krawallen auf der Straße kämpft, tut dies oft, um eben dieser moralischen Ökonomie wieder zur Geltung zu verhelfen, in einer Situation, in der diese von den „powers that be“ nicht eingehalten wird. Das klassische Beispiel für diese Analyse waren die frühmodernen „Brotkrawalle“ in Europa, bei denen Bäcker, die ihre Preise im entstehenden Kapitalismus zu hoch ansetzten, dafür von der Community durch Brotkrawalle abgestraft wurden: Die Community holte sich in den Krawallen das, was ihr nach der „traditionellen Vorstellung von sozialen Normen und Verpflichtungen“ zustand – in dem Fall Brot. Bei „Benzinkrawallen“ läuft das ganz ähnlich: Wenn eine Community der Meinung ist, jedem ihrer Mitglieder stünde bezahlbares Benzin zu, dann wird sie dafür kämpfen, sich dieses zu organisieren, auch wenn die „Weltmarktpreise“ das eigentlich nicht mehr hergeben.
Krawalle sind, da sind sich die Geschichtsschreibung und die sociology of riots mittlerweile einig, meist keine absolut irrationalen Ausbrüche kindlicher Wut oder erwachsenen Trotzes, sondern oft unbewusst strategische Aktionen, um Anspruch auf bestimmte soziale Güter zu erheben, von denen davon ausgegangen wird, sie stünden einem zu.
Die erste Generation …
Was uns zurückbringt zu den Samstagskrawallen in Frankfurt/Main (meiner Heimatstadt) et al. Ihr erinnert Euch vielleicht noch an den vollen Namen der Klimabewegungsorganisation, die in der Presse am Ende dann häufig die „so genannte Letzte Generation“ genannt wurde, oder kurz „die Letzte Generation“: Das sollte nicht heißen „die Letzte Generation auf der Welt“, es ging um die „Letzte Generation vor den Kipppunkten“. Dementsprechend können wir die Gen Z und noch mehr die Generation Alpha, die „jungen Generationen“, als die ersten Generationen verstehen, die im globalen ökologischen und gesellschaftlichen Kollaps aufwachsen – und dies unterbewusst durchaus wahrnehmen; daraus entsteht ja ein erheblicher Teil der Frustration.
Seriously, das sollten wir „Älteren“ mal versuchen, uns vorzustellen: Wie ist es eigentlich, aufzuwachsen und unterbewusst zu spüren, dass Dein Leben in 15, maximal 20 Jahren in einer ökologischen Hellscape stattfinden wird? Jetzt könntet Ihr natürlich antworten: „Aber Tadzio, die Menschen wissen doch gar nichts über den Kollaps, weil Verdrängung und so“ – was in Teilen stimmt, aber eben nur in Teilen. Glaubt Ihr, junge Menschen kriegen nicht mit, dass die Sommer immer heißer werden, merken nicht, dass es zwar im Sommer noch schöne Sonnentage gibt, aber eben auch solche, an denen es so heiß ist, dass man sich vor der Sonne verstecken muss, Tage, wie es sie „früher“ (und das meint auch „vor zehn Jahren“) in Deutschland nicht gab? Dass eine Linie, die über die Sommer der vergangenen Jahre gezeichnet wird, in Bezug auf die Temperaturen immer weiter nach oben zeigt und dass das wahrscheinlich für die Zukunft nichts Gutes verheißt?
Ines Schwerdtner forderte vor nicht allzu langer Zeit mal, dass jede „hart arbeitende Person“ in Deutschland doch mindestens einmal im Jahr in den Urlaub fliegen können sollte: Was, wenn Ihr in einer Generation aufwachst, die auf einer gewissen Ebene versteht, dass diese Erwartungen nicht mehr vernünftig, nicht mehr legitim, nicht mehr ethisch-politisch erklärbar sind, weil in einer immer kaputteren Welt natürlich nur „die Reichen“ sich diese Art von Luxus noch leisten können werden?
Ich könnte noch mehr aufzählen, aber mein Punkt ist der: Hier kämpft gerade eine Generation auf der Straße, der gegenüber die Mehrheitsgesellschaft den ewigen Deal des „Mehr“ aufgekündigt hat – was sowohl auf der individuellen als auch auf der kollektiven Ebene sehr klar gehört wird. Jetzt in ein Studium investieren, weil man weiß, dass in zwanzig Jahren oder so dabei ein guter Job mit gutem Lohn und gutem sozialen Standing herauskommt? Kannste vergessen, weil es mittlerweile völlig unklar ist, ob diese Investition Sinn ergeben würde. Darauf hoffen, dass man irgendwann mal mehr verdient und/oder konsumieren kann als die eigenen Eltern? Auf ein Eigenheim oder auch nur eine bezahlbare und gleichzeitig schöne Wohnung hoffen? Nicht besonders vernünftig angesichts gegenwärtiger politischer und ökonomischer Entwicklungen.
Die „moralische Ökonomie“ des globalen Nordens, das Versprechen, aus einem allgemeinen Mehr – das Mehr ständiger kapitalistischer Akkumulation, aber auch das Mehr, das aus imperialer Ausbeutung und in der imperialen Lebensweise entsteht – auch ein spezifisches, ein individuelles Mehr für (fast) alle zu machen, dieses Versprechen ist mittlerweile gebrochen worden, es ist aufgehoben, es isch, wie Schäuble es gesagt hätte, es isch over. Und wenn die historische Riotsoziologie recht hat, dann liegen darin vor allem die Gründe für die Ausbrüche des vergangenen Samstags, nicht im „Migrationsstatus“ der Beteiligten.
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„Migrantisches Milieu“
Aber lasst uns mal kurz, for the sake of argument, die These ernst nehmen, dass an den Riots – nicht an den Demos, die waren ja „gut“, im Gegensatz zu den „bösen“ Riots – mehrheitlich Menschen aus … naja, ähm: migrantischen Milieus beteiligt waren, auch wenn wir uns ein bisschen kreativ vorstellen müssen, was der Begriff denn nun genau meint. Egal, irgendwie „anders“ aussehende Menschen vermutlich. Solche Menschen, die vom biodeutschen Mehrheitskonsens jeden Tag, trotz Staatsbürger*innenschaft, trotz fließend Deutsch, trotz hier geboren und aufgewachsen, trotz, trotz, trotz, immer wieder zu „Ausländern“ erklärt werden, über die im politischen Diskurs so hergezogen wird, als wären sie die Ursache beinahe aller gesellschaftlichen Probleme, denen mittelfristig von der umfragenstärksten Partei die „Remigration“ in Länder angedroht wird, die sie maximal aus Familienurlauben kennen …
Wie sollen diese Menschen sich derzeit in Deutschland politisch fühlen: sicher? Gut aufgehoben? Von den politischen Diskursen und Eliten des Landes respektiert und ernst genommen, wie zum Beispiel „die Bauern“ vor nicht allzu langer Zeit?
Obviously not. Es muss echt scheiße sein, zwar zu Deutschland zu gehören, aber jeden Tag zu spüren, dass man eigentlich doch nicht dazugehört, oder zumindest nicht dazugehören sollte. Ich kann mir das kaum vorstellen, kann mir aber gut vorstellen – und weiß aus meinen eigenen Riotstudien (z. B. zu den EU-Gipfelkrawallen in Göteborg 2001) –, dass Krawalle unter Umständen Momente sein können, in denen bisher vom politischen Diskurs exkludierte Subjekte sich in ihm Raum verschaffen können, wo neue historische Subjekte die Bühne der Weltgeschichte betreten können – halt mit ‘nem Knall, nicht nur mit ‘ner Bitte. Das war unter anderem auch im Mai 1968 in Frankreich so und ist seitdem immer wieder so gewesen: exclude young people and their political demands from your politics at your own risk, das ist immer wieder die Botschaft politischer Krawalle junger Menschen, und die „Plünderungen“, von denen so oft gesprochen wird, sind in diesem Kontext vor allem auch eine einfache Aneignungspraxis: Wenn Ihr uns etwas versprecht und es nicht einhaltet – Konsumversprechen sind zentrale gesellschaftliche Einbindungsmechanismen –, dann holen wir es uns eben selbst.
Ich komme hier mal zum Ende, denn heute geht es bei mir eigentlich um die PR für mein neues Buch, das ich seit gestern in der Hand halte, aber es war mir wichtig, diese Gedanken aufzuschreiben: Die Riots vom vergangenen Samstag sind genauso nachvollziehbar, wie es der elektorale Denkzettel für Trumps Republikaner war. Gebrochene Versprechen tendieren dazu, Menschen auf die Palme zu bringen. Deswegen Riots, deswegen Abwahl.
Mit buchfreudigen Grüßen,
Euer Tadzio