Schüler*innendemos, oder: „Migrantische Horden schaffen Deutschland ab”

Die Mitte ruft "Agents Provocateurs" Rechte "migrantisches Millieu". Aber in Wahrheit: Jugendliche, die nicht krawallieren, sollten mal ihre Realitätssensoren checken.

Schüler*innendemos, oder: „Migrantische Horden schaffen Deutschland ab”

02/11/2026

Liebe Leute,

alle Jahre wieder, oder zumindest, seitdem ich mich praktisch und akademisch mit „Riots“ auseinandersetze – jetzt mal breit gefasst: „Ein Riot (Krawall oder Ausschreitung) ist eine heftige, gewalttätige und unkontrollierte Störung der öffentlichen Ordnung durch eine größere Menschenmenge“ (Cambridge Dictionary) –, folgt auf jeden Riot irgendwo im globalen Norden derselbe weinerliche bürgerliche Chor: „Oh weh! Oh jemine! Da hat jemand unsere schöne ‚öffentliche Ordnung‘ zerstört, da hat jemand die liberale Schöpfungslüge in Frage gestellt, der zufolge Politik NIEMALS mit gewaltvollen Mitteln betrieben werden sollte (which is funny, weil die meisten Liberalismen sich mit Waffengewalt durchgesetzt haben), weil es ja diese wunderschönen habermasianischen Diskurstools gäbe, ausgehend von der idealen Sprechsituation, mit denen wir alles und jeden Konflikt rational und ohne Gewalteinsatz auflösen könnten.“

Und da die aufgeklärte bürgerliche Demokratie der BRD in einem gewissen und gewichtigen Sinne das Ende der Geschichte darstellt, die beste je erreichbare politische und gesellschaftliche Form überhaupt, kann es UNMÖGLICH so sein, dass es tatsächliche, real existierende deutsche Jugendliche und Schüler*innen waren, die jetzt in ein paar deutschen Städten ein paar Fenster entglast haben, sich eventuell gegen übermäßig brutale Polizeieinsätze verteidigen wollten oder tatsächlich ganz souverän die Entscheidung getroffen haben, jetzt mal ein bisschen mehr auf die Kacke zu hauen, weil, noch so’n langweiliger angeblicher „Schulstreik“ von Fridays, und die junge Generation müsste sich wirklich mal fragen lassen, ob sie alle in ‘nem K-Hole hängengeblieben sind oder zumindest wegen dauernden Bongrauchens nicht in der Lage sind, für ihre ureigenen Interessen zu kämpfen.

„Kriminelle Ausländer fressen unser Land auf“

Schon im Vorfeld der Demos wurde ein gigantisches Aufheben gemacht, der Diskurs um die Samstagsdemos herum wirkte manchmal so, als würden die Hannoveraner Chaostage der 90er oder die großen autonomen Straßenschlachten der 80er zurückkehren, obwohl es dafür natürlich keinerlei Anhaltspunkte gab. Das wirkliche „Movens“ hier, der wahrhaft treibende kausale Faktor im bürgerlichen Diskurs über diese Demos, waren nicht die Demos, sondern die zunehmend panische Angst der „gesellschaftlichen Mitte“ in den bald nicht mehr so reichen spätimperialen Ländern, dass die Gewalt, die sie seit Jahrhunderten anderen antut, die „Unregierbarkeit“, die wir anderen Ländern aufdrücken – kurz: all die Scheiße, die wir seit Jahrhunderten anderen über die Köpfe kübeln –, nun langsam, aber sicher auch hier ankommt.

So kam es nach den Demos, wie es kommen musste: Die Rechten und die rechte Mitte rufen „migrantische Milieus“ und meinen damit einfach nur den alten rassistischen Mythos des kriminellen Ausländers, das ist nicht mal mehr „dog whistling“, das ist straight-up Rassismus. „Irgendwas Schlechtes ist passiert. Wer kann’s gewesen sein? DER KRIMINELLE AUSLÄNDER!“ Und der muss natürlich irgendwie „raus“. Das freut die AfD, weil es mal wieder zeigt, dass der deutsche Konservatismus nur noch einen kleinen Schritt von der direkten Artikulation faschistischer Widerlichkeiten entfernt ist, denn von der Hetze gegen ein angebliches „migrantisches Milieu“ ist es nur ein kurzer Schritt zu „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“. Ok, das ist nicht überraschend, und auch nicht wirklich interessant. Deutschland ist ein zutiefst rassistisches Land. Big deal: Wer „Ausländerin“ ist oder Zeit mit „Ausländerinnen“ verbringt, weiß davon jeden Tag ein Lied zu singen.

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Der Mythos der „Agents Provocateurs“

Derweil redet sich die (linke) Mitte mal wieder ein, dass ihre eigenen Kinderchen sowas wie einen Riot nie machen würden, nie mal ein Bankfenster entglasen oder eine Glasflasche in Richtung Robocops werfen. Und raunt jetzt schon wieder (in einem echt ekligen Echo US-amerikanischer Rechter), das seien „False Flag“-Attacken gewesen, es müsse doch Bilder von „Agents Provocateurs“ geben – und die gibt’s eventuell auch. Aber seid Ihr wirklich so naiv, zu glauben, es gäbe für junge Menschen keine guten Gründe, mal auf die Kacke zu hauen und Scheiben zu zerdeppern? Keine guten Gründe, sich gegen Bullenangriffe zu wehren?

Ich weiß, Ihr möchtet Eure Normalität als die beste aller möglichen betrachten, aber sie ist ein ungerechter, rassistischer, welt- und zukunftszerstörender Wahnsinn. Wer heute Teenager*in ist, wird ihre 30er in einer sozio-ökologischen Hellscape erleben, and that’s not a guess, it’s a certainty. Und das ist jetzt ja „nur“ der globale ökologische Kollaps, da haben wir noch gar nicht von den direkter greifbaren generationellen Ungerechtigkeiten gesprochen, die das politische System der Alte-reiche-Leute-Republik durchziehen: die konstanten Unterinvestitionen in Bildung, die Definition von „Generationengerechtigkeit“ als „keine Schulden aufnehmen“.

Ich würde es so formulieren: Überraschend ist nicht, dass es zu Ausschreitungen kam (im ziemlich begrenzten Rahmen und meist als Antwort auf Bullengewalt), sondern, dass es zu so wenigen Ausschreitungen kam. Denn, liebe „Mitte“: Die ganzen anderen Menschen, die Eure imperiale Lebensweise fickt, die leben außerhalb Deutschlands, deswegen könnt Ihr denen gegenüber einfach die Grenzen zumachen, und in ein paar Monaten oder spätestens Jahren wird’s dann halt dauerhafte Schießbefehle an den EU-Außengrenzen geben.

Aber Ihr bringt’s noch nicht übers Herz: Die Opfer Eurer imperialen Lebensweise, die im selben Land wohnen wie Ihr, die vielleicht sogar am selben Tisch mit Euch essen, die einfach niederzukartätschen, traut Ihr Euch noch nicht – Ausbeutung und Vernichtung funktionieren immer dann am besten, wenn man dabei nicht selbst zuschauen muss, das wäre ja äh-bäh. Die „Ausschreitungen“ bei den Schüliprotesten sind für Euch in der Mitte also deswegen so scary, weil sie – ein bisschen wie die ersten Aktionen der Letzten Generation – ein Zeichen der Tatsache sind, dass die „Externalisierung“ (Lessenich) an ein Ende kommt. Die Gewalt, EURE/UNSERE Gewalt, die kehrt langsam in die imperialen Zentren zurück. Nach Minneapolis nannte man das „imperial blowback“. Malcolm X nannte es „chickens coming home to roost“. This is the future: ein permanenter Anstieg innergesellschaftlicher Gewalt auch in den spätimperialen Zentren.

Wir können uns also jetzt schon auf neue und spannende Formen „nichtletaler Waffen“ freuen, auf Schülidemos, die mit Wasser, Gas, Schall, Geruch und whatnot angegriffen werden, irgendwann dann halt auch mit scharfer Munition.

All dies ist nicht „wahrscheinlich“. Es ist sicher. Get ready.

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Mit montäglich-frustrierten Grüßen,
Euer Tadzio

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